Mittwoch, 15. August 2018

Harzer Kartoffelsalat mit Bierdressing


Bevor es mit unserer Serie "Traditionelle Harzer Küche" weitergeht, gibt es heute zwischendurch mal ein Rezept mit der guten alten Kartoffel, die jetzt wieder frisch vom Kartoffelacker zu haben ist. Passend zur warmen heißen Jahreszeit haben wir ein Salatrezept ausgewählt.

Typische Zutaten im ursprünglichen Harzer Kartoffelsalat sind Bauchspeck sowie Essig und Öl für das Dressing - neben den Kartoffeln natürlich. Wir bieten mit diesem Rezept eine vegetarische Variante, die genauso deftig und dabei geschmacklich hervorragend ist. Der Pfiff: Harzer Käse, Bier und eine kräftige Prise geräucherter Paprika. Und so geht's:

Harzer Kartoffelsalat mit Bierdressing


für 2 Portionen zum Abendessen oder als Beilage
  • 1 kleine Zwiebel in feine Würfel schneiden und in eine kleine Schüssel geben.
  • 1 EL getrocknete Paprikaflocken und 1/2 TL Salz darüberstreuen und alles mit kochendem Wasser übergießen (die Zutaten sollten gerade eben bedeckt sein), ziehen lassen. Wer keine Paprikaflocken zur Hand hat, kann diese auch durch getrocknete Tomatenstückchen ersetzen - oder schneidet eine frische reife Tomate in feine Würfel, gibt diese aber erst zum Schluss in den Salat.
  • 2 große gekochte Pellkartoffeln (von festkochenden Kartoffeln, möglichst bereits am Vortag gekocht) pellen und in ca. 1 - 1,5 cm große Würfel schneiden.
  • 3 kleine Taler reifen Harzer Käse ebenfalls in Würfel schneiden und auf die Kartoffeln geben.
  • Je nach Geschmack 2-4 EL hochwertiges kaltgepresstes Öl sowie 2-3 EL guten Essig darüber geben.
  • 1 gut gehäuften TL milden Senf sowie 1 TL Honig unter die Zwiebel-Paprika-Mischung rühren und alles zur Kartoffelmischung geben. 
  • 1/2 gestr. TL geräuchertes Paprika- oder Chilipulver darüberstreuen. 
  • Den Salat nun vorsichtig aber sehr gründlich mischen und kräftig abschmecken (evtl. Salz und/oder Essig zufügen), mindestens 1 Stunde bis zum Verzehr bei Zimmertemperatur ziehen lassen (die Kartoffeln nehmen in dieser Zeit reichlich Dressing auf).
  • 1/2 Bund Schnittlauch in feine Röllchen schneiden und über den Salat streuen, alles einmal vorsichtig durchmischen und soviel Bier unterziehen, dass der Salat angenehm saftig wird (Biersorte nach Geschmack, es sollte jedoch nicht allzu herb sein - auch alkoholfreies Bier ist selbstverständlich geeignet). Frisch gemahlenen Pfeffer dazugeben und nochmals abschmecken.
Dieser Salat lässt sich zum größten Teil mit Zutaten aus der Region zubereiten - nur Paprika und (ausgerechnet) Harzer Käse machen da eine Ausnahme.

Slow Food Harz wünscht guten Appetit!

Rezeptidee: Antje Radcke


Dienstag, 7. August 2018

Die Harzer lieben Klümpe und Kartoffeln

Auffällig an der Harzer Küche ist die Liebe zum Kloß, auch Klump genannt. Ob aus Buchweizen, Kartoffeln, Mehl oder Brot(resten), ob süß oder pikant, ob als Einlage in der Suppe oder als Hauptgericht: Klümpe gab es in vielen Variationen ‒ sicher nicht zuletzt, weil sie recht nahrhaft und auch als Resteverwertung gut geeignet waren.


Kartoffeln sind aus dem Harz, wie bereits erwähnt, ebenfalls nicht wegzudenken. Das bekannteste Gericht aus alten Tagen ist heute wohl “Harzer Knieste” oder ‒ in Begleitung von rohem Mett ‒ “Hackus und Knieste”. Für die Knieste (mancherorts auch Knüste genannt) werden ungeschälte Kartoffeln längs halbiert und im Backofen gebacken. Wichtig: Die Schnittflächen kommen nach oben und werden mit Fett veredelt ‒ früher kamen Speck, fettes Mett oder Schmalz zum Einsatz, heutzutage wird meist Pflanzenöl bevorzugt. Gewürzt werden die Kartoffeln mit Salz, Pfeffer und Kümmel.

Es folgen:
  • Der Harz: Nichts für Suppenkasper
  • Der tierische Reichtum des Waldes - ehemals nur für Reiche
  • Der Harz: Ein Paradies für Freunde der deftigen Wurstspezialitäten
  • Eine Erfindung der Neuzeit: Das Blaubeerschmandschnitzel
  • Literaturtipps und passende Buchempfehlungen zum Thema
Bereits erschienen:

Dienstag, 31. Juli 2018

Zuckerkuchen und Eierkranz


Legendär ist der Harzer Zuckerkuchen, in Varianten auch als Butter- oder Schmandkuchen bekannt. Letzterer wird in einem der alten Rezepte nicht ‒ wie mehrheitlich üblich ‒ mit Hefe gebacken, sondern aus einer Art Rührteig mit viel Schmand und noch mehr Zucker (innen drin und obenauf). Im Gegensatz zum Zuckerkuchen aus Hefeteig wäre diese köstliche Variante auch nach Tagen noch herrlich saftig - sofern nach Tagen noch etwas übrig geblieben sein sollte.

Schmalzgebackenes (insbesondere die Prilleken) und Eierkranz (siehe Foto oben) - der wie ein Brandteig anmutet, jedoch aus einer Art Pfannkuchenteig besteht und in speziellen Tonformen gebacken wird, sind typisches Harzer Backwerk. Schade, dass es nur wenige Bäckereien gibt, die diese Spezialitäten nach traditionellem Rezept noch anbieten. Vor diesem Hintergrund erfreulich sind dann Meldungen wie diese aus der Goslarschen Zeitung vom 15. Juni 2017:
... Zu den Gewinnern gehört auch der Harzer Eierkranz von der Bäckerei Brieske aus Seesen, der als traditionelles Harzer Produkt aus regionalen niedersächsischen Rohstoffen hergestellt wird…
Der Anlass war die Auszeichnung zum „Kulinarischen Botschafter Niedersachsens“ durch Ministerpräsident Stephan Weil. Möge diese Meldung auch allen anderen Bäckereien im Harz mit dem Eierkranz im Sortiment zu einer verstärkten Nachfrage verholfen haben.

Es folgen:
  • Die Harzer lieben Klümpe und Kartoffeln
  • Der Harz: Nichts für Suppenkasper
  • Der tierische Reichtum des Waldes - ehemals nur für Reiche
  • Der Harz: Ein Paradies für Freunde der deftigen Wurstspezialitäten
  • Eine Erfindung der Neuzeit: Das Blaubeerschmandschnitzel
  • Literaturtipps und passende Buchempfehlungen zum Thema
Bereits erschienen:

Dienstag, 24. Juli 2018

Kartoffeltorte mit sechzehn Eiern


Die traditionellen Harzer Gerichte zeugen von den in Kapitel 1 beschriebenen Gegensätzen von Arm und Reich. Gab es (fast) nichts, waren die Gerichte eher karg und zwangsläufig flexibel in den verwendeten Zutaten ‒ gab es reichlich, verschwanden auch schonmal sechzehn Eier in einem einzigen Kuchenteig. Überhaupt, der Kuchen: Offensichtlich waren Kartoffeln erschwinglicher und/oder leichter verfügbar als Getreide, denn viele Kuchenrezepte weisen Kartoffeln als Hauptzutat aus. Und wer einmal das Vergnügen hat, eine Kartoffeltorte (mit viel Eiern im Teig) zu probieren, wird kulinarisch sicher angenehm überrascht. Eier scheinen demnach auch nicht unbedingt Mangelware gewesen zu sein ‒ jedenfalls nicht in der Legephase der Hühner (wer weiß heute noch, dass Hühner im Winter natürlicherweise keine Eier legen?). Auch das leicht anzubauende und genügsame Knöterichgewächs Buchweizen kam an Stelle von echtem Getreide in der Harzer Küche zum Einsatz. Mit etwas Glück kann man in dem einen oder anderen Café im Harz auch heute noch ein Stück Buchweizentorte genießen.

Es folgen:
  • Zuckerkuchen und Eierkranz
  • Die Harzer lieben Klümpe und Kartoffeln
  • Der Harz: Nichts für Suppenkasper
  • Der tierische Reichtum des Waldes - ehemals nur für Reiche
  • Der Harz: Ein Paradies für Freunde der deftigen Wurstspezialitäten
  • Eine Erfindung der Neuzeit: Das Blaubeerschmandschnitzel
  • Literaturtipps und passende Buchempfehlungen zum Thema
Bereits erschienen:

Dienstag, 17. Juli 2018

Die traurige Geschichte vom Harzer Käse


Ein trauriges Kapitel im Buch der Harzer Spezialitäten ist der Harzer Käse (oft auch Harzer Roller genannt). Und dabei hätte es eine schöne Geschichte werden können ‒ wenn irgendjemand rechtzeitig daran gedacht hätte, den Sauermilchkäse auf EU-Ebene als Harzer Spezialität anerkennen zu lassen. Hat aber niemand ‒ und deshalb wurden alle Produktionsstätten im Harz nach und nach von einem Molkerei-Konzern aufgekauft und die Produktion des Käses schließlich nach Sachsen verlagert. Heute ‒ so ist zu hören ‒ wird der Käse in wenigen kleinen (Hobby-)Manufakturen im Harz hergestellt und in exklusiven Liebhaberkreisen verspeist.

Eine davon befindet sich im Vorharz, in Immenrode - wo die Begeisterung für den Harzer Käse so groß ist, dass wir dort die sehr interessante Geschichte dieses speziellen Käses nachlesen und einen vom NDR gedrehten Film dazu (erst herunterladen und dann) anschauen können. Was nicht weiter verwundert, denn Immenrode sieht sich sozusagen als "Wiege des Harzer Käses":
Man sollte es nicht für möglich halten, aber genauso war und ist es. Der berühmte Harzkäse entwickelt seine Geschichte und Herkunft nicht etwa im Oberharz oder aus den Ursprüngen des traditionellen Molkereiwesens in Harzer Landen, sondern einzig und allein in Immenrode.
Vielen Dank für die interessanten Geschichten, liebe Immenröder/innen und weiterhin gutes Gelingen beim "Käsebacken".

Es folgen:
  • Kartoffeltorte mit sechzehn Eiern
  • Zuckerkuchen und Eierkranz
  • Die Harzer lieben Klümpe und Kartoffeln
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  • Der tierische Reichtum des Waldes - ehemals nur für Reiche
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  • Eine Erfindung der Neuzeit: Das Blaubeerschmandschnitzel
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Dienstag, 10. Juli 2018

Harzer Küche: Küche der Gegensätze


Fortsetzungsgeschichte in zehn Folgen...

Die traditionelle Harzer Küche gilt gemeinhin als deftig, das Attribut “Raffinesse” fällt einem in diesem Zusammenhang als erstes sicher nicht ein. Als Bergbauregion war der Harz immer auch auf Zuwanderung angewiesen, die Einflüsse durch Bergleute zum Beispiel aus Thüringen oder Nordhessen sind deshalb in vielen Gerichten bemerkbar. Wer sich die Freude gönnt, einmal tiefer in die Eigenheiten der Harzer Kulinarik einzutauchen, wird vielleicht Überraschendes entdecken und sich inspirieren lassen, Traditionelles mit Raffiniertem zu verbinden.

(1) Harzer Küche ‒ eine Küche der Gegensätze

Die ursprüngliche Harzer Küche war geprägt durch den allgegenwärtigen und immer wiederkehrenden Gegensatz von Arm und Reich ‒ arm und reich an Geld, an fruchtbarer Landschaft, an Schätzen der Natur.

Der Harz im engeren Sinne konnte seine (zum großen Teil schwerst arbeitende) Bevölkerung kaum ernähren ‒ der Wald mit all seinen Reichtümern diente zuallererst dem Bergbau und dann den Privilegierten mit Jagd- und Fischereirecht. Bergleuten wurde im Rahmen der “Bergfreiheit” ein beschränktes Jagdrecht auf Niederwild zugesprochen. Die einfache, eher arme Bevölkerung musste sich mit dem begnügen, was karge Gärten und Wildsammlungen von Beeren, Kräutern, Wurzeln, Pilzen und Früchten hergaben. Nahrhaftes und Energiereiches spendeten Hühner, Kuh oder Ziege ‒ die sich aber nicht jeder leisten konnte, da die Tiere im Winter schließlich gefüttert werden mussten. Und das Fangen von Singvögeln war für die ärmere Bevölkerung eher Nebenerwerb als Nahrungsquelle ‒ die Tiere landeten meist auf den Tellern der Betuchten.
Walderdbeeren aus Harzer Wäldern

Im Harz selbst war es kaum möglich, sich aus eigenem Anbau selbst zu versorgen ‒ die kargen Böden reichten höchstens für den Anbau von Kohl und Wurzelgemüsen. Kartoffeln, vielfältiges Gemüse oder Getreide kamen daher meist aus dem fruchtbaren Umland, mussten in den Harzregionen also erkauft werden. Das einzige, was scheinbar immer und für jeden vorhanden bzw. erschwinglich war, war Rindertalg (welches bis ins 18. Jahrhundert hinein auch als Brennstoff für die Beleuchtung und Grubenlampen verwendet wurde). Auch an Schweineschmalz herrschte offensichtlich kein Mangel. In den meisten Original-Rezepten kommen deshalb auch genau diese beiden Fette reichlich zum Einsatz.

Nun sind Schmalz und Talg heutzutage nicht die beliebtesten Fette in der Küche und die Zeiten, in denen die Bevölkerung Schwerstarbeit unter Tage oder im Wald verrichten musste, sind vorbei. Kein Wunder also, dass die traditionelle Harzer Küche in modernen Zeiten eher verschmäht wird und die in Schmalz gebackenen Prilleken dann durch moderne “Donuts” ersetzt werden ‒ ob diese in kulinarischer Hinsicht einen qualitativen Fortschritt bringen, sei dahingestellt. Dennoch lohnt ein Blick in die alten Kochbücher bzw. in die neuen Bücher mit alten Rezepten! Denn zum einen lernen wir daraus viel über unsere Traditionen, zum anderen helfen sie uns, den Blick für regionale und saisonale Schätze zu schärfen.

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Es folgen:
  • Die traurige Geschichte vom Harzer Käse
  • Kartoffeltorte mit sechzehn Eiern
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Freitag, 25. Mai 2018

Auf ein Wort zum Datenschutz

Liebe Leserinnen und Leser, liebe Abonnenten,

die neue DSGVO (Datenschutz-Grundverordnung), gültig ab 25. Mai 2018 (also heute), ist mittlerweile in aller Munde. So manche/r Webseiten-Betreiber/in hat sich die Haare gerauft angesichts der vielen Neuerungen, die nicht nur zu bedenken sondern pflichtgemäß umzusetzen sind. Aber was sein muss, muss sein - und letztlich profitieren wir alle davon.

Die neuen Hinweise zum Datenschutz für diesen Blog finden sich unter "Impressum/Datenschutz".

Weil diesen Blog aber viele interessierte Leserinnen und Leser abonniert haben (Danke! 😊), haben wir speziell zu diesem Thema hier ein paar nützliche Hinweise zusammengestellt.

Freitag, 11. Mai 2018

Kulinarisches Kino: "Soulkitchen"

Und weiter geht's mit dem "Kulinarischen Kino" in Wernigerode! Dieses mal freuen wir uns auf 

« Soul Kitchen »


Diese Filmkomödie von Fatih Akin aus dem Jahr 2009 wurde mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Norddeutschen Filmpreis 2010 in der Kategorie „bester Kinofilm“. 

Eine Frikadellenbude wird zum Spitzenrestaurant, doch dann droht Gefahr durch einen Immobilienhai… 

Wir zeigen den Film am
Mittwoch, 23. Mai 2018
um
19:00 Uhr(Einlass ab 18:30 Uh)
in der
Kemenate
Kunst- und Kulturverein Wernigerode, Marktstraße 1

Anschließend treffen wir uns in der Biothek, Marktstraße 13, um den Abend kulinarisch mit einem deutsch-französischen Imbiss ausklingen zu lassen...

Die Teilnehmerzahl ist begrenzt, wir empfehlen daher eine baldige Anmeldung telefonisch unter 01525 399 89 07 oder per eMail unter harz@slowfood.de. Einen Kostenbeitrag erheben wir für den kulinarischen Teil in der "Biothek" in Höhe von 8,50 Euro. 

Wernigerode

Freitag, 12. Januar 2018

"Frantz" - Kino und Kulinarik

Wir freuen uns, dass wir auch in diesem Jahr unsere Reihe "Kulinarisches Kino" fortsetzen können.

"Frantz"

Mittwoch, 31. Januar 2018, 18:30 Uhr 
"Kemenate", Marktstraße 1, Wernigerode 

Wir zeigen Ihnen den Film "Frantz" von François Ozon, der 2015/16 auch in Wernigerode gedreht wurde und teilweise in Quedlinburg spielt. 

Der kulinarische Teil findet wie gewohnt in der "Biothek", Marktstraße 13, statt. Freuen Sie sich - in Anlehnung an die Schauplätze des Films - auf französisch-deutsche Küche. Hier finden Sie eine Besprechung des Films mit Trailer im "The Guardian" (die Rezension in englischer, die Filmausschnitte auch in deutscher Sprache).

Die Teilnehmerzahl ist begrenzt, wir empfehlen daher eine baldige Anmeldung telefonisch unter 01525 399 89 07 oder per eMail unter harz(at)slowfood.de. Einen Kostenbeitrag erheben wir nur für den kulinarischen Teil in der "Biothek" - in Höhe von 10,00 € inklusive alkoholfreie Getränke.

Wir freuen uns auf Sie.

Donnerstag, 9. November 2017

Slow Food an der Piste und Wildschwein in der Currywurst

Rodelhaus Braunlage im Schnee

Vorbemerkung: Diesen Artikel hatte die Autorin (Antje Radcke) für das Internet-Magazin "Meine-Region.de" geschrieben. Nach dem Wechsel des Betreibers der Seite konnte jedoch kein Einvernehmen über die Neugestaltung des Autorenvertrags erzielt werden. In der Folge davon wurden die Artikel dort gelöscht. Damit sie nicht verloren gehen, veröffentlichen wir den Artikel über zwei SlowFood-Restaurants an dieser Stelle.

Der Artikel wurde bereits im Januar 2016 verfasst, da er aber jetzt jahreszeitlich fast passend (nur der Schnee fehlt) und auch sonst noch aktuell ist, präsentieren wir Ihnen die Reportage gern heute - im November 2017. Es gibt jedoch ein wichtiges aktuelles Ereignis, dass wir an dieser Stelle unbedingt nachtragen möchten:

Das Rodelhaus Braunlage wurde kürzlich mit dem Siegel "Typisch Harz" ausgezeichnet. Herzlichen Glückwunsch, liebe Judith Bothe!


*****

Slow Food an der Piste und Wildschwein in der Currywurst


Essengehen im Harz abseits von Riesenschnitzeln und Mega-Windbeuteln: Regional und saisonal genießen in ausgezeichneten Slow Food Restaurants

Autorin: Antje Radcke

Beim Essen bin ich wählerisch. Sehr sogar. Jedenfalls dann, wenn es um Geschmack, Qualität und Herkunft der Zutaten geht. Und seit ich ‒ nach mehr als 30 Jahren Großstadtleben ‒ freiwillig zurück in den Harz gekommen bin, empfinde ich sowas wie “Harzverbundenheit”. Und deshalb stehe ich auf Slow Food.

Slow Food. Dahinter steckt die Idee, das Essen bewusst zu genießen ‒ mit möglichst saisonalen regionalen Zutaten, die unter sauberen und fairen Bedingungen produziert werden. Fleisch aus Massentierhaltung oder Erdbeeren im Winter haben da keine Chance.

Und wer hätte gedacht, dass es in der Harzer Restaurant-Landschaft bereits vier Häuser gibt, deren Küchenphilosophie auf Slow Food beruht und die deshalb im Genussführer ausgezeichnet sind? Ich jedenfalls nicht. Ich hab’s aber schnell rausgefunden und bin sicher, dass es bald noch mehr sein werden. Die Genuss-Tester sind schon ausgeschwärmt.* Und auch ich bin mal wieder ausgeschwärmt. Nicht zum Testen, sondern zum Genießen.

* Heute sind es tatsächlich deutlich mehr! Lesen Sie dazu hier unseren Bericht >>

Lust auf Genuss


Mein erstes Ziel ist das Rodelhaus Braunlage auf dem Wurmberg ‒ erreichbar nur per Seilbahn oder zu Fuß. Ich wähle meine Füße als Verkehrsmittel. Etwas anderes wäre an diesem Tag aber sowieso nicht möglich gewesen, denn die Seilbahn fährt wegen des starken Winds gar nicht. Der Aufstieg beginnt gleich hinter der Seilbahn-Talstation und führt nach 1,6 Kilometern und einer knappen halben Stunde entlang der Rodelpiste, vorbei an der Ruine der Wurmbergschanze, zum Ziel. Herrlich, wenn das Rodelhaus dann plötzlich zwischen den verschneiten Bäumen auftaucht.

Das Rodelhaus ist auf den ersten Blick ein “ganz normales” Ausflugslokal. Der zweite Blick offenbart sich, wenn man in die Speisekarte schaut: “Lust auf Genuss” steht da unübersehbar als Motto über der Karte. Es ist nicht als Frage gemeint. Hier wird die Lust am Genießen vorausgesetzt und - nach dem kleinen Zusatz “inmitten der Natur” - mit einem Ausrufezeichen versehen. Wer nun seinen Blick auf die Speisen lenkt, findet Vertrautes und zugleich Ungewöhnliches. 


Sattelschwein, Höhenvieh und Demeter-Käse


Vertraut klingen die Gerichte wie Currywurst, Strammer Max, Schnitzel Wiener Art, Kartoffelpuffer, Hamburger, Sülze, Fleischkäse oder Bratkartoffeln. Ungewöhnlich sind die Zutaten: In der Sülze befindet sich Fleisch vom “Sattelschwein”, im Hamburger (“Großer Wurmberger”) steckt das “Harzer Rote Höhenvieh” und im Fleischkäse Wildschwein. Im veganen Eintopf oder auf dem ebensolchen Brotfladen gibt sich Gemüse von zwei Bioland-Betrieben die Ehre, die Käseplatte ist bestückt mit Käse in Demeter-Qualität.

Und überall finden wir Hinweise darauf, woher die wichtigsten Zutaten kommen: von namentlich genannten Betrieben aus der Region! Die Rodelhaus-Wirtin Judith Bothe aber hat noch mehr vor. Geplant ist in Kürze eine extra Broschüre auf den Tischen, in denen die Erzeuger-Betriebe aus der Region mit Fotos und Text vorgestellt werden*. Die Gäste können dann also noch genauer erfahren, was da gerade auf ihrem Teller liegt und woher es kommt. Mehr Transparenz geht nicht. 

* Diese "Genussfibel" gibt es mittlerweile längst.

Gut Essen mit gutem Gewissen


Mag sein, dass einige Gäste (die ja meist ein “ganz normales” Ausflugslokal erwarten) anfangs etwas irritiert sind und schnell auf die Preise schauen, ob das besondere Essen in diesem Hause auch in ihr geplantes Budget passt. Der Blick beruhigt. Passt.

Mag auch sein, dass es einigen Gästen völlig egal ist, was da serviert wird. Hauptsache, Pommes und Currywurst. Nun gut, auch diese Spezies kommt hier ja auf ihre Kosten. Vielleicht aber kommen einige von den Einigen ein bisschen ins Nachdenken ‒ und freuen sich dann, dass das leckere Essen auch noch ein gutes Gewissen macht.

Ich gönne mir an jenem Nachmittag eine frisch gebackene Waffel ‒ der Teig mit Eiern, die garantiert nicht aus der Legebatterie sondern von “glücklichen Hühnern” stammen. Köstlich. Macht noch mehr Lust auf Genuss.

*****

Genießen mitten im Weltkulturerbe


Mein zweiter Ausflug führt mich bei tiefstem Winterwetter über Clausthal-Zellerfeld in die großartige Landschaft des Weltkulturerbes “Oberharzer Wasserregal”, ins Polsterberger Hubhaus. Was einst eine wichtige Funktion innerhalb der Wasserwirtschaft hatte, ist heute eine heimelige Waldgaststätte inmitten eines herrlichen Wandergebiets ‒ mit Teichen, Wiesen, Wald und vielen Wanderwegen drumrum.

Das Polsterberger Hubhaus ist über einen ca. 800 m langen Waldweg auch mit dem PKW direkt zu erreichen. Ich sitze als Beifahrerin im Auto eines mit Harzer Winterwetter eher unvertrauten Großstadtmenschen und mache zaghaft den Vorschlag, das Auto lieber oben am Parkplatz an der B 242 stehen zu lassen und den kurzen Weg zur Gaststätte zu Fuß zurückzulegen. Nix da, wir fahren, der Weg ist doch so schön geräumt. Nun gut.

Der Parkplatz am Hubhaus ist leer. Ist ja auch noch früh und wir sind tatsächlich die ersten Gäste. Der imposante Bollerofen wird gerade angeheizt und ich habe Gelegenheit, den Gastraum und die wunderbare Landschaft da draußen ungestört zu fotografieren. 


Kleine feine Speisekarte


Die Speisekarte im Polsterberger Hubhaus ist angenehm überschaubar ‒ keine seitenlange Auswahl sondern übersichtlich auf den Punkt gebracht, was es hier zu speisen gibt. Was im Übrigen typisch für die SlowFood-Küche ist. Denn wer es ernst meint damit, saisonale, regionale und frisch zubereitete Genüsse auf den Tisch zu bringen, kann logischerweise nicht fünfundfünfzig verschiedene Gerichte anbieten. Kleine Speisenauswahl mit großer Bedeutung also ‒ die noch betont wird durch die Mehrfachnennung der Begriffe “Bioland” oder “hausgemacht”.

Auch hier finden sich das Harzer Rote Höhenvieh und Wildschwein aus Harzer Wäldern auf der Karte. Als ich im Frühjahr einmal einen Teil meiner Familie in das Polsterberger Hubhaus führte, machte sich - bei den Nicht-Vegetariern - Begeisterung breit angesichts der gebratenen Leber vom Höhenvieh mit Thymianäpfeln und hausgemachtem Kartoffelbrei sowie bei der Currywurst vom Wildschwein (die es übrigens auch im Rodelhaus gibt). Aber selbstverständlich kommen auch Vegetarier im Hubhaus auf ihre Kosten. So wie wir heute. Da es ja gerade erst halb zwölf ist, entscheiden wir uns für ein Kürbis-Ingwer-Süppchen. Köstlich wärmend!

Mittlerweile füllt sich das Lokal. Familien mit Kindern, Paare und Grüppchen - alle in Wanderklamotten - lassen sich das frühe Mittagessen schmecken. Angesichts von soviel Wanderlust (der ich normalerweise auch liebend gern nachgehe) ist es mir ein bisschen peinlich, mit dem Auto bis vor die Tür gefahren zu sein. Wenigstens sehe ich rein kleidungsmäßig so aus, als sei auch ich zum Wandern hier. Wir beschließen aber recht schnell, zu bezahlen und unsere Plätze für die echten Wanderer frei zu machen.


Rückfahrt mit Hindernis


Allerdings: So problemlos, wie wir den Waldweg zum Hubhaus hinuntergekommen waren, kommen wir nicht wieder hoch. Denn unter der harmlos scheinenden Schneedecke lauert das Eis ‒ und das Auto des großstadt-erfahrenen Autofahrers verweigert den Gehorsam. Meine Erfahrung mit dem Harzer Winterwetter beschränkt sich, verkehrstechnisch betrachtet, auf Zu-Fuß-gehen und Mit-öffentlichen-Verkehrsmitteln-fahren und kann deshalb hier nicht zur Lösung des Problems beitragen. Auch das Anschieben mit Unterstützung eines hilfsbereiten Pärchens bringt uns nicht weiter. Ich flitze also wieder hinein und beichte das Missgeschick. Die Wirtin Beate Engel fackelt nicht lange, verweist den Fahrer auf den Rücksitz, übernimmt das Steuer und versucht, den Wagen mit Anlauf und interessanten Manövern zum Hochfahren zu bewegen. Als auch das nichts nützt, wendet sie beherzt und ‒ fährt rückwärts hinauf und davon. Ich schaue verdutzt hinterher und sprinte ihnen nach. Unter tausend Dankeschöns und zerknirschtem Gelächter verabschieden wir uns am oberen Parkplatz. Nächstes Mal gehen wir die läppischen 10 Minuten zu Fuß. Denn dass wir wiederkommen, steht fest!